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HSZ-Homburg UO Gruppe

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Die fünf größten Ausbildungsfehler – Praxisbeispiele aus der Unterordnung

Hinweis zur Einordnung:

 Die folgende Antwort beruht auf einer Kombination aus praktischer Trainererfahrung im Hundesport und Rettungshundesport sowie auf fachlich anerkannten Grundlagen der Lern- und Verhaltenswissenschaft.

Sie stellt keine Einzelmeinung und kein Bauchgefühl dar, sondern eine sachliche Einordnung auf Basis von Erfahrung und gesichertem Fachwissen.

Sie erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern dient der fachlichen Orientierung und Einordnung.



Theorie erklärt warum etwas schiefgeht. Praxis zeigt wo es schiefgeht.Die folgenden Beispiele stammen direkt aus der Unterordnungsarbeit und sind so gewählt, dass man sie auf Alltag, Hundesport und Rettungshundesport übertragen kann.


1. Unklare Kriterien – der Hund weiß nicht, was richtig ist

Praxisbeispiel: Sitz, Platz, Grundstellung

Der Hund setzt sich:

  • mal schräg → wird ignoriert

  • mal schräg → wird bestätigt

  • mal korrekt → keine Reaktion

  • beim nächsten Mal schräg → Korrektur

Für den Menschen sind das „Nuancen“. Für den Hund sind es widersprüchliche Bilder.

Problem:

Hunde lernen über Zielbilder. Wenn das Zielbild nicht stabil ist, kann der Hund es nicht reproduzieren. Er rät – und Raten ist kein Lernen.

Sauberer Ansatz:

  • Ein klar definiertes Zielbild (z. B. gerade, eng, ruhig)

  • Alles, was davon abweicht, wird nicht bestätigt

  • Korrekt bestätigt wird ausschließlich das gewünschte Bild

Konsequenz schlägt jede Trainingsmethode.


2. Zu frühes Steigern von Ablenkung, Druck oder Anforderung

→ die 80-%-Regel

Praxisbeispiel: Fußarbeit

Der Hund läuft im ruhigen Umfeld ordentlich Fuß.

Dann wird:

  • direkt auf den Platz gewechselt

  • mit anderen Hunden trainiert

  • Leinenführigkeit, Tempo- und Winkelwechsel kombiniert

Und plötzlich „funktioniert er nicht mehr“.

Das ist kein Ungehorsam. Das ist ein zu früher nächster Schritt.

80-%-Regel (praxisnah):

Erst wenn der Hund das gewünschte Verhalten:

  • zu mindestens 80 % stabil

  • unter gleichen Rahmenbedingungen

  • mit gleicher Qualität zeigt

… wird ein Kriterium verändert:

  • entweder Ablenkung

  • oder Dauer

  • oder Distanz

  • oder Schwierigkeit

Nie alles gleichzeitig.

Merksatz:

Ein Verhalten, das gerade erst klappt, gehört noch nicht nach draußen.


3. Triebarbeit ohne Kontrolle – oder Kontrolle ohne Triebbefriedigung

Praxisbeispiel: Fußarbeit mit Futter oder Spielzeug

Variante A – Triebarbeit ohne Kontrolle:

  • Hund ist hochmotiviert

  • springt, drängelt, fiept

  • läuft schnell, aber unsauber

Variante B – Kontrolle ohne Triebbefriedigung:

  • Hund läuft korrekt

  • aber lustlos, spannungsarm

  • Motivation baut sichtbar ab

Beides ist langfristig problematisch.

Sauberer Ansatz:

  • Motivation aufbauen (Belohnung relevant machen)

  • Kontrolle integrieren, nicht aufsetzen

  • Triebbefriedigung folgt auf korrektes Arbeiten

Der Hund soll lernen:

„Sauberes Arbeiten öffnet den Zugang zur Belohnung.“

Nicht umgekehrt.


4. Positive Bestätigung fehlt oder ist zu schwach eingesetzt

Praxisbeispiel: Bleib / Sitz aus der Bewegung

Der Hund macht es richtig – aber:

  • die Bestätigung kommt verspätet

  • ist emotionslos

  • oder bleibt ganz aus („war ja selbstverständlich“)

Dann wird sich der Hund fragen, warum er sich anstrengen soll.


Wichtig: Positive Bestätigung heißt nicht „ständig füttern“.

Sie heißt:

  • präzises Timing

  • klare Markierung

  • eine für diesen Hund relevante Belohnung

Gerade bei sauberer Unterordnung wird positives Bestätigen oft unterschätzt – mit der Folge, dass Hunde zwar korrekt, aber spannungslos arbeiten.


5. Fehlende Selbstreflexion des Hundeführers

Praxisbeispiel: „Der Hund ist heute schlecht drauf“

Typische Aussagen:

  • „Heute hat er keine Lust“

  • „Der ist stur“

  • „Gestern konnte er es doch noch“

In der Realität:

  • Timing war ungenau

  • Kriterien wurden verschoben

  • Training war zu lang oder zu schwer

Die unbequeme Wahrheit:

In den meisten Fällen ist nicht der Hund inkonsequent – sondern der Mensch.

Gute Ausbildung heißt:

  • eigenes Timing überprüfen

  • Trainingseinheiten analysieren

  • Fehler zuerst bei sich suchen

Wer das nicht tut, bleibt dauerhaft auf demselben Ausbildungsniveau stehen.


Fazit aus der Praxis

Gute Unterordnung entsteht nicht durch Druck oder Wiederholung, sondern durch:

  • klare Zielbilder

  • sauberen Aufbau

  • kontrollierte Motivation

  • ehrliche Selbstreflexion

Hunde arbeiten zuverlässig, wenn sie verstehen, was sie tun sollen und warum es sich für sie lohnt.


Quellen

  • Skinner, B. F. (1953). Science and Human Behavior. Macmillan.

  • McGreevy, P., & Boakes, R. (2007). Carrots and Sticks: Principles of Animal Training. Cambridge University Press.

  • Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Animal Welfare, 13, 63–69.

  • Ziv, G. (2017). Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60.

  • Overall, K. L. (2013). Manual of Clinical Behavioral Medicine for Dogs and Cats. Elsevier.

  • Lindsay, S. R. (2000). Handbook of Applied Dog Behavior and Training. Iowa State University Press.

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Die grosse Kunst ist Theorie und Praxis zu verbinden. Den Blick für Wesentliches zu schulen.

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