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Fehlerkultur im Training: Korrigieren ohne Frust – und ohne dass es eskaliert

Hinweis zur Einordnung:

 Die folgende Antwort beruht auf einer Kombination aus praktischer Trainererfahrung im Hundesport und Rettungshundesport sowie auf fachlich anerkannten Grundlagen der Lern- und Verhaltenswissenschaft.

Sie stellt keine Einzelmeinung und kein Bauchgefühl dar, sondern eine sachliche Einordnung auf Basis von Erfahrung und gesichertem Fachwissen.

Sie erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern dient der fachlichen Orientierung und Einordnung.


Fehler gehören zum Training. Punkt.Die entscheidende Frage ist nicht ob Fehler passieren – sondern wie wir damit umgehen.

Viele Teams trainieren technisch eigentlich gut, scheitern aber an genau einer Stelle:Sobald etwas schiefgeht, wird es emotional, hektisch, unfair oder einfach nur ineffektiv.

Und genau dann passiert das, was wir alle kennen:

  • der Hund wird unkonzentrierter

  • der Hundeführer wird genervter

  • die Leine wird kürzer

  • die Stimme wird härter

am Ende hat keiner gewonnen

Dieser Beitrag zeigt dir, wie du Fehler sauber korrigierst, ohne Frust aufzubauen – und warum das nicht „weich“, sondern professionell ist.


1) Ein Fehler ist keine Provokation – sondern ein Feedback

Wenn ein Hund einen Fehler macht, heißt das meistens:

  • er hat es noch nicht verstanden, oder

  • er kann es unter diesen Bedingungen noch nicht, oder

  • er ist gerade nicht in der Lage, weil Ablenkung, Stress, Müdigkeit, Übererregung.

Was ein Fehler fast nie ist:„Der testet mich“ oder „Der nimmt mich nicht ernst“ oder „Das müsste er doch eigentlich schon können“

Wenn du den Fehler als persönlichen Angriff interpretierst, trainierst du nicht mehr – du reagierst.


2) Die 3 Fehlerarten (und warum das wichtig ist)

Damit du fair und effektiv reagieren kannst, musst du wissen, was du vor dir hast:

A) Verständnisfehler

Hund ist unsicher, probiert herum, schaut dich an, wird langsamer.➡️ Lösung: leichter machen, klarer helfen, kleinschrittiger.

B) Anforderungsfehler

Zu früh zu viel verlangt: mehr Ablenkung, mehr Distanz, mehr Dauer.➡️ Lösung: Anforderung senken, Stabilität aufbauen, erst dann steigern.

C) Zustandsfehler

Hund ist drüber oder weg: zu viel Energie, zu wenig Ruhe, Umwelt zu stark.➡️ Lösung: Erregung regulieren, Pause, Rahmen ändern.

Wenn du diese Kategorien nicht trennst, korrigierst du am Problem vorbei.


3) Das größte Missverständnis: „Korrigieren“ bedeutet nicht „Druck machen“

Viele werfen alles in einen Topf:

Fehler = Hund muss es sofort besser machen = ich werde strenger

Das ist ein Denkfehler.

Gute Korrektur bedeutet:

  • Fehler beenden

  • neu starten

  • Bedingungen so anpassen, dass Erfolg wieder wahrscheinlich wird

  • Hund wieder in eine erfolgreiche Wiederholung bringen

Nicht mehr. Nicht weniger.


4) Korrigieren ohne Frust: das 5-Schritte-Prinzip

Wenn etwas schiefgeht, geh im Kopf immer gleich vor:

Schritt 1: Ruhig bleiben

Kein „NEIN“, kein Ärger, kein Kommentar.Du willst nicht „gewinnen“, du willst Training.

Schritt 2: Fehler neutral beenden

Nicht weiterlaufen lassen.Kurz stoppen, neu ansetzen, neu starten.

Schritt 3: Anforderung minimal senken

So wenig wie möglich, so viel wie nötig:

  • weniger Ablenkung

  • kürzere Dauer

  • weniger Distanz

  • klarere Hilfe

  • einfachere Aufgabe

Schritt 4: Sofort eine sichere Wiederholung

Der Hund muss wieder „richtig“ erleben.Eine erfolgreiche Wiederholung ist wie ein Reset im Kopf.

Schritt 5: Abschluss mit Erfolg und Pause

Wenn es gut war: fertig.Nicht tottrainieren.


5) Negativbeispiel aus der Praxis: Hund gerät ins Schnüffeln → Leinenzerren → Stressspirale

Das ist ein Klassiker, den wir im Training oft sehen. Und der zeigt perfekt, wie Frust entsteht.

Situation:

Der Hund läuft an der Leine, plötzlich Nase runter, schnüffelt, „ist weg“.Der Hundeführer will Aufmerksamkeit zurück – und macht (verständlicherweise) Druck:

  • Leine wird straff

  • es wird gezogen

  • der Hund bleibt trotzdem unten

  • der Mensch wird nervös / ärgerlich

  • der Hund geht noch mehr ins Schnüffeln oder zieht gegen

Das Ergebnis:Du hast keinen Fokus trainiert – du hast nur eine Leinen-Diskussion produziert.

Und diese Diskussion lernt der Hund sehr schnell:

  • Schnüffeln lohnt sich (Umwelt gewinnt)

  • Mensch wird unangenehm (Training verliert)

  • Leine ist Stress (hochschaukeln)

Warum passiert das?

Weil Schnüffeln nicht „Ungehorsam“ ist, sondern häufig:

  • Überforderung

  • Ablenkung zu groß

  • Erregung/Stressabbau

  • fehlendes Alternativverhalten („was soll ich statt Schnüffeln tun?“)

  • zu wenig lohnende Aufgabe im Vergleich zur Umwelt

Und weil viele versuchen, Aufmerksamkeit über Zug zurückzuholen.Das funktioniert selten sauber.


6) So korrigierst du Schnüffeln sauber – ohne Drama

Hier eine praxistaugliche Vorgehensweise, die wirklich funktioniert:

A) Schnüffeln stoppen, ohne zu ziehen

Das Wichtigste:Nicht in den Widerstand gehen.

Du stoppst einfach deine Bewegung, hältst ruhig, wartest eine halbe Sekunde – und sobald minimal Aufmerksamkeit kommt (Kopf hoch, Ohr, Blick, Körper löst sich), markierst und belohnst du.

➡️ Ziel: Hund lernt: Orientierung am Menschen beendet die Situation und bringt Erfolg.

B) Sofort eine Mini-Aufgabe geben

Nicht „Fuß für 50 Meter“.Sondern kurz und klar, z.B.:

  • 1–2 Schritte sauber mit dir -> sofort belohnen

  • Blickkontakt

  • kleine Kehrtwendung

  • „Fuss“-Position neben dich

➡️ Ziel: Du gibst dem Hund eine klare Alternative zur Nase unten.

C) Belohnung passend machen

Wenn die Umwelt gerade „High Value“ ist, brauchst du etwas, das mithält:

  • besseres Futter (Qualität UND Quantität)

  • schnelleres, aktiveres Belohnen (Belohnungsfrequenz erhöhen)

  • Bewegung als Belohnung (kurz freigeben)

➡️ Ziel: Der Hund soll merken: Beim Hundeführer ist es nicht langweilig.

D) Rahmenbedingungen ehrlich anpassen

Wenn der Hund ständig ins Schnüffeln fällt, ist das kein „Charakterproblem“.Dann ist dein Setting zu schwer.

Lösungen:

  • erst in ruhiger Umgebung stabilisieren

  • Ablenkung langsam steigern

  • kürzere Einheiten

  • klare Trainingsphasen vs. Schnüffelphasen

Und ja: Ein Hund darf schnüffeln – aber nicht im „Arbeitsmodus“.


7) Der wichtigste Punkt: Schnüffeln ist oft ein Symptom, nicht das Problem

Viele bekämpfen das Schnüffeln wie ein Verhalten, das „weg muss“.Dabei ist es häufig ein Hinweis auf:

  • fehlenden Trainingsplan

  • zu frühe Ablenkung

  • zu wenig Struktur

  • zu wenig Belohnungsklarheit

  • zu lange Einheiten

Wenn du nur am Symptom ziehst, wird es nicht besser.


8) Typische Fehler bei Korrekturen (bitte vermeiden)

❌ Fehler totwiederholen

Wenn es 5x schiefgeht, wird die 6. Wiederholung nicht magisch besser.Du brauchst einen Schritt zurück – nicht mehr Druck.

❌ Genervter Tonfall

Dein Hund versteht nicht „jetzt reiß dich zusammen“.Er versteht nur: Mensch kippt, Situation wird unangenehm.

❌ Unklare Signale

Wenn du ständig redest („komm, komm, komm…“), wird es nur Hintergrundrauschen.

Grundsätzlich nur EIN Kommando. Dann in Hilfe gehen.

❌ Dauerstress an der Leine

Die Leine ist kein Werkzeug für Korrektur, sondern ein Sicherheits- und Führungsmittel.Zerren bringt keine Orientierung – es bringt Konflikt.


9) Gute Fehlerkultur erkennt man an einem Satz

„Ich mache es meinem Hund so leicht, dass er fast nicht scheitern kann.“

Das ist nicht weich.Das ist sauberer Aufbau.

Denn Präzision kommt nicht durch Druck.Präzision kommt durch klare Kriterien + viele richtige Wiederholungen.


10) Mini-Checkliste nach jedem Fehler

Wenn etwas schiefläuft, frag dich:

  1. War es zu schwer (Ablenkung/Dauer/Distanz)?

  2. War ich klar (Körper, Timing, Signal)?

  3. War der Hund in der Lage (Stress, Müdigkeit, Drüber)?

  4. War die Belohnung lohnend genug?

  5. War die Einheit zu lang?

Wenn du diese Fragen ehrlich beantwortest, brauchst du deutlich weniger Korrektur – weil Fehler selten werden.


Ich denke, wir haben das Thema hier jetzt bewusst etwas theoretisch aufgedröselt – und genau deshalb werden wir das in den nächsten Trainings ganz konkret in der Praxis angehen und Schritt für Schritt sauber umsetzen.

 

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